Vogel, Wladimir

(1896-1984)
Geboren am 29.2.1896 in Moskau als Sohn eines Deutschen und einer Russin.
Nach dem Besuch des Realgymnasiums und privatem Klavier- und Theorieunterricht wandte sich Vogel unter dem Eindruck von Skrjabins (Moskauer) Konzerten der Komposition zu.
1918 kam er nach Berlin, wo er nach vorbereitenden Studien bei Erwin Bodky und Heinz Tiessen von 1920 bis 1924 in Ferruccio Busonis «Meisterklasse für musikalische Komposition» an der Preussischen Akademie der Künste arbeitete und zusammen mit Kurt Weill die Schweizer Luc Balmer, Robert Blum und Walther Geiser zu seinen Studienkollegen zählten.
Zur gleichen Zeit besuchte Vogel die Kunstgewerbeschule, pflegte Kontakte zu den Expressionisten von Herwarth Waldens «Sturm» und wirkte in der von Max Butting und Hans Heinz Stuckenschmidt geleiteten Musiksektion der «Novembergruppe» mit, der u.a. George Antheil, Hanns Eisler, Philipp Jarnach, Kurt Weill und Stefan Wolpe angehörten.
Nach 1925 unterrichtete Vogel als Kompositionslehrer, trat als Musikkritiker in Erscheinung und leitete radiogenetische Interpretationskurse am Klindworth-Scharwenka-Konservatorium.
Durch Hermann Scherchen, dessen «Melos» Kreis er nahestand, wurde er zur Mitwirkung in der Arbeitermusikbewegung angeregt. Als Autor entsprechender Kompositionen und als Bahnbrecher der Neuen Musik von den Nazis als «entarteter Künstler» gebrandmarkt, musste Vogel Berlin 1933 verlassen. Nach Aufenthalten im Tessin, in Strassburg, Basel und Brüssel hielt sich der in der Schweiz mit fremdenpolizeilichem Arbeitsverbot belegte Musiker zwischen 1936 und 1939 in Zürich und in Comologno (TI) auf.
Von Werkaufführungen in Paris, Barcelona und London kehrte er in die Südschweiz zurück, um sich jeweils von neuem um eine Aufenthaltsbewilligung von drei Monaten zu bewerben. Erst 1954 in Ascona Schweizer Bürger geworden, bekleidete Vogel weder ein Amt, noch wurde er mit einer Lehrstelle für Komposition betraut. Privaten Kompositionsunterricht erteilte er u.a. den skandinavischen Musikern Erik Bergman, Maurice Karkoff und Einoyuhani Rautawaara sowie den Schweizern Rolf Liebermann, Robert Suter und Jacques Wildberger.
1964 übersiedelte Vogel nach Zürich, wo er sich ausschliesslich dem kompositorischen Schaffen widmete.
Er starb am 19.6.1984.
«Der in gegensätzlichen Kulturen beheimatete Komponist Wladimir Vogel, der mit seiner Synthese von slawischem Klangempfinden und westeuropäischem Formbewusstsein einen ebenso wichtigen Beitrag zur Neuen Musik leistete wie mit neuartigen Werktypen auf der Grundlage einer expressionistischen Tonsprache mit Elementen des Konstruktivismus, ging in erster Linie als Begründer des modernen Sprechchors (in rein musikalischer Funktion) in die Musikgeschichte ein.
Vogel erwies sich jedoch mehrmals als Pionier, hatte er doch schon vor der Einführung des Sprechchors («Wagadus Untergang durch die Eitelkeit», 1930) mit der «Ritmica» (Komposition für ein und zwei Klaviere, 1923) ein auf konstanten Rhythmen basierendes Variationsprinzip entwickelt.
Der mit bedeutenden Preisen (Berliner Kunstpreis, 1960; Musikpreis der Stadt Zürich, 1970; Komponistenpreis des Schweizerischen Tonkünstlervereins, 1972) ausgezeichnete Komponist schuf mit dem «Dramma-Oratorio» eine vokalsinfonische Grossform, die sich infolge ihrer Komplexität jeder Einordnung entzieht. Seit der Aneignung einer sich von Schönberg durch Klangkonstellationen und Diagonalität unterscheidenden-Zwölftontechnik (Violinkonzert, 1937) arbeitete Vogel häufig mit Fremdzitaten, die zu themenbildenden Zwölftonreihen ergänzt wurden. Einen neuen Formtyp entwickelte er in den späten Zürcher Jahren, indem er mit den kammermusikalisch besetzten «Hörformen» aus jeweils einem Satz bestehende, in sich mehrteilig gegliederte Kompositionen mit bewegten und meditativen Abschnitten von grosser Ausdruckskraft schuf.»
(Walter Labhart)